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Philosophie/Mentales Training
  Mentales Trainingsprogramm für eine Selbstverteidigungssituation  

Bei dem im folgenden beschriebenen Ereignis handelt es sich um eine Notwehrsituation. Notwehr ist die Abwehr eines gegenwärtigen, rechtswidrigen Angriffs gegen sich oder andere. Dabei muss die Verhältnismäßigkeit der Mittel gegeben sein, d.h. dass man sich nicht mit übertriebener Härte wehren darf. Lediglich wenn Körper oder Leben bedroht werden, darf man den Angreifer verletzen. In der folgenden Situation setzt man dies als gegeben voraus.

In jeder anderen Situation dürfen die beschriebenen Techniken nicht eingesetzt werden.

Das mentale Training ist auf den fortgeschrittenen WingTsun Schüler zugeschnitten. Es eignet sich aber auch
für Anfänger, da die eingesetzten Techniken innerhalb des ersten halben Jahres erlernt und geübt werden.
Es geht weniger um die Ausführung der Techniken, als um das Handeln in einer bedrohlichen Situation.
Das Prinzip kann als „Vorwärtsverteidigung“ beschrieben werden.

Zu Beginn muss jeder für sich die Frage klären, inwieweit man bereit ist, sich zu verteidigen und den Gegner
unter Umständen zu verletzen. Kann man, selbst wenn das eigene Leben bedroht wird, grundsätzlich
niemanden schlagen, führt man auch dieses Training nicht durch. Die Gründe zum Erlernen einer
Selbstverteidigung sind vielfältig und liegen dann woanders.

Das Training:

Situationsbeschreibung:

Ein Aggressor bedroht mich und stößt mich zurück. Eine Auseinandersetzung scheint unvermeidlich. Dennoch versuche ich die Lage zu entschärfen, gehe einen Schritt zurück und hebe beschwichtigend die Hände. Somit bin ich kurze Zeit außerhalb der Reichweite des Aggressors, was mir – zusammen mit den schon gehobenen Händen - bei dem folgenden Angriff einen Zeitvorteil verschafft.


Außenperspektive:

Die Füße stehen schulterbreit, die Knie sind leicht gebeugt. Bein-, Bauch und Gesäßmuskulatur sind angespannt, der Oberkörper ist locker. Die Hände sind erhoben und üben eine beschwichtigende Bewegung aus, wobei sie hintereinander auf der Körpermitte stehen. Die Körperhaltung sollte natürlich aussehen und nicht aggressiv wirken. Das würde den Streitsuchenden in seiner Absicht bestärken. Die beste Lösung ist immer noch die Vermeidung einer Auseinandersetzung!

Sobald der Gegner mich angreift, was er aufgrund der Entfernung mit einem Schritt einleiten muss, verlagert sich das Gewicht auf das linke Bein und das rechte Bein tritt in Richtung des Knies. Der Tritt muss schnell erfolgen, d.h. vor der Streckung wird das Knie nur leicht hochgeführt. Hierin besteht ein Unterschied zu Karate und Tae Kwon Do, bei denen das Knie weiter hoch gerissen wird. Das hat den Vorteil, dass die Art der Beintechnik später erkannt wird. In diesem Fall ist das nicht nötig, da der Gegner durch mein plötzliches Vorgehen überrascht wird. Die Fußspitze zeigt nach rechts, Trefffläche ist die Mitte der Fußsohle, um ein Abrutschen zu vermeiden. Je weniger man die Muskeln spürt, desto entspannter und schneller wird die Technik.

Der Treffpunkt liegt hinter der Kniescheibe. Erst dann wird das Bein durchgestreckt.

Danach führt man es aktiv in Richtung Boden. Bei Berührung bleibt die Spannung erhalten und das hintere Bein wird nachgezogen. Mit dem Nachziehen schlägt die linke offene Hand gegen den Ellenbogen des Angreifers und drückt ihn auf seine Körpermitte (Paak-Sao). Bei allen Schlägen befindet sich der eigene Ellenbogen zwischen dem eigenen und dem gegnerischen Körper. Auf diese Weise kann man besser die Kraft aus der Vorwärtsbewegung übertragen. Gleichzeitig schlägt man mit der rechten zur Faust geballten Hand ins Gesicht. Die beiden Bewegungen erfolgen zeitgleich.

Der Aggressor geht instinktiv in eine Schutzhaltung, wobei er seinen Kopf senkt und mit beiden Händen schützt. Es folgen drei Schläge mit der offenen Handfläche in seinen Nackenbereich, wobei der Ballen trifft.


Innenperspektive:

Ich stehe unter Spannung, weil ein „Verrückter“ gleich auf mich losstürmen wird. Ich lenke die ganze Spannung in meine Beine, der Oberkörper kann sich lockern. Nach außen gebe ich mich ruhig, habe die Arme beschwichtigend erhoben, aber in einer Position, die mich schützt. Innerlich bin ich aufmerksam und reaktionsbereit. Ich weiß genau, was ich zu tun hab. Mein Blick ist global auf den Angreifer gerichtet. Jetzt sehe ich, wie er die Arme hebt und einen Schritt auf mich zukommt. Meine Spannung entlädt sich, ich strecke mein rechtes Bein explosionsartig durch sein Knie hindurch. Dadurch stoppe ich ihn in seiner Vorwärtsbewegung.

Aktiv drücke ich das Bein auf den Boden und ziehe das hintere nach, bleibe am Gegner dran. Dabei schlage ich mit meiner linken Handfläche seinen rechten Ellenbogen auf seine Körpermitte und strecke meine rechte Faust – vom Ellenbogen geführt - durch sein Gesicht. Ich sehe wie er sich schützt, mache aber weiter und schlage ihn dreimal peitschenartig mit den Handballen in den Nacken, den er mir offen anbietet.

Ich bin voll da und bleibe aufmerksam und ruhig. Ich habe die Kontrolle. Der Angreifer lässt von mir ab.


Knotenpunkte:

  1. Kontrolle und Umlenken meiner inneren Spannung, Bereitschaft mich zu wehren.
  2. Stoppen des Angreifers mit dem Vorwärtstritt.
  3. Das Bein vorne auf den Boden ziehen.
  4. Mit Nachziehen des anderen Beines Paak-Sao und Fauststoß ins Gesicht.
  5. Abschließend drei Handballenschläge in den Nacken.
  6. Die Absicht zu kontrollieren.

Kodierung:

  1. „Fuuuuh“ – Ausatmen und ruhiger werden
  2. „STOPPPP!!!“ – Kampfschrei. Aufhalten des Gegners durch den Tritt.
  3. „Ap“ – das Bein herabführen
  4. „PACK“ – Schutz- und Fauststoß
  5. „Padadamm“ – drei Peitschenschläge
  6. „Fuuuuh“

Zusammen im zeitlichen Ablauf:

Fuuuuh........................STOPPPP!!!!.....ApPACK......PADADAMM..........Fuuuuuh

Das Training führe ich im Stehen mit geschlossenen Augen durch. Dadurch fällt es mir leichter, die Bewegungen, die ja im Stand durchgeführt werden, nachzuvollziehen. Zunächst sage ich mir die äußere, dann die innere Bewegungsbeschreibung auf.

Als nächstes stelle ich mir vor, wie ich die Situation durch eine Kamera in Zeitlupe beobachte. Dabei sehe ich mich und den Gegner von außen. Gleichzeitig beginne ich laut mit dem Aufsagen der Knotenpunkte.

Nach Abschluss der Aktion wechsle ich die Kameraperspektive und zoome in meinen Kopf. Jetzt erlebe und fühle ich die Situation aus meiner Sicht (immer noch Zeitlupe). Wieder spreche ich die Knotenpunkte vor.

Im letzten Schritt lasse ich beide Vorgänge in Originaltempo durchlaufen. An die Stelle der Bewegungsbeschreibungen treten nun die Kodierungen. Ich sage sie auf, beziehungsweise schreie sie heraus. Das hat den zusätzlichen Effekt der Atmungskontrolle, da bei allen Schlägen und Tritten ausgeatmet werden sollte.

Gerd Schmitz 11.SG / WT-Schule Overath
ewto